Experten
05 . 10 . 18

Papier stinkt nicht

Worte von: Timm Weber
„Neues schaffen aus Ideen und Technologie” – so lautet nicht nur das persönliche Motto von Timm Weber, dem Chief Creative Officer von Publicis Pixelpark: Es ist auch sein Rezept für die Zukunft der Printmedien.
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Auf einen Blick

  • In einer Zukunftsvision des US-amerikanischen Autors Gary Shteyngart wird Papier als übel riechendes Relikt empfunden
  • Print kann sich nicht nur auf den Retro-Trend zum haptischen und besonderen verlassen: Neue Ideen sind gefragt
  • Buchseiten mit integrierten Lautsprechern stehen beispielhaft für Innovation in Papier
  • Der Erfolg von Panini-Sammelalben zeigt, dass Printmedien auch weiterhin faszinieren können

Der amerikanische Autor Gary Shteyngart hat vor einigen Jahren ein beeindruckendes und dabei sehr lustiges Buch geschrieben. „Super Sad True Love Story” erzählt die Geschichte eines Mannes namens Lenny Abramov, seines Zeichens Hausmeistersohn, Tagebuchschreiber und auf der Suche nach der großen Liebe. Er lebt in einem Amerika der nicht so weit entfernten Zukunft. Dieses Amerika ist total überschuldet und lebt unter der harten und erbarmungslosen Knute der einzig wahren Weltmacht: China.

Die Menschen in diesem Amerika steuern ihr ganzes Leben mit einem einzigen Gerät, das sie ÄPPÄRÄTE nennen. Diese auch in der englischen Ausgabe so genannten ÄPPÄRÄTE haben die vollständige Kontrolle über das Leben ihrer Besitzer übernommen. Nichts geht mehr ohne diese digitalen Helferlein. Auch findet der Held des Buches seine große Liebe, und es ist alles sehr unterhaltsam zu lesen. Jemand sagte zu recht, die gelungene Kreuzung von George Orwell und Woody Allen (allerdings war das vor der Woodie Allen #metoo Geschichte)

Das Buch ist also wirklich zu empfehlen. Aber Sie fragen sich wahrscheinlich langsam, was das alles mit Papier zu tun hat.

Die Erklärung dazu möchte ich nicht länger schuldig bleiben: Der Protagonist hat nämlich eine für die Zeit, in der er lebt, sehr ausgefallene Leidenschaft. Aus Nostalgie und vielleicht auch weil er ein Romantiker ist, liest Lenny Abramov noch wirkliche Bücher. Also bedrucktes Papier, was ja aus toten Bäumen besteht und die Gedanken von oft schon genauso toten Autoren und Autorinnen enthält. Ihm gefällt dieses Medium und die Art, durch das Schauen auf bedrucktes Papier und das Blättern von Seiten Wissen aufzunehmen.

In der fiktiven Zukunft scheint den Menschen der Geruch von altem Papier also so streng, dass sich Fahrgäste in der U-Bahn umsetzen, wenn der Protagonist einen seiner Schmöker auf-klappt
Timm Weber
Chief Creative Officer, Publicis Pixelpark

Aus Sicht seiner Umgebung ist diese Leidenschaft an Morbidität fast nicht zu übertreffen. Bücher haben etwas Abstoßendes. Der Geruch von altem Papier scheint den Menschen als so streng, dass sich Fahrgäste in der U-Bahn, die es auch noch in Zukunft gibt, umsetzen, wenn unser Lenny einen seiner Schmöker aufklappt. Manche gehen sogar so weit, von der hygienischen Gefahr zu sprechen, die von diesen Papier-Büchern ausgeht und warnen vor zu häufigem und nahem Kontakt.

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Gibt es noch in Papierform zu kaufen, allerdings nicht so übel riechend, wie Bücher in diesem Roman beschrieben werden.

Jetzt kann man natürlich sagen, alles nur eine Geschichte. Schon irre, was sich Schriftsteller so alles ausdenken, um ihre Geschichten zu erzählen. Bücher ekelig, das geht doch gar nicht. Alle lieben Bücher. Sie in der Hand zu halten und genau zu wissen, wann und warum welcher Knick und welches Eselsohr in die Titelseite gekommen ist. Bücher sind physische Erinnerung, das kann doch nicht auf einmal schlecht sein.

Und auch die Tatsache, dass sich Menschen für ihre Bibliothek bei ihren Gästen meinen entschuldigen zu müssen, statt sie mit ein bisschen Stolz vorzuzeigen und zu beobachten, wie die Gäste die Blicke über die Autorennamen auf den Buchrücken schweifen lassen, ist schwer vorstellbar.

Aber Zeit vergeht schnell und Menschen sind lange nicht so beständig, wie wir uns das vielleicht wünschen. Viel schneller haben sich in den letzten 10 Jahren Gewohnheiten und Nutzerverhalten geändert, als wir uns das haben vorstellen können.

Wenn man nur mal überlegt, was allein seit dem Erscheinen des Buches im Jahr 2011 die Weiterentwicklung des ÄPPÄRÄTS, oder wie wir es halt nennen, mit unserem Leben gemacht hat.

Damals gab es noch kein Siri, noch keine funktionierende Gesichts-Erkennung, noch keine Google-Technologie, die für einen das Telefonieren übernimmt. Das ganze Leben von einem Device gesteuert und beherrscht zu haben – was zum Erscheinen des Buches noch wie völlig entfernte und auch lachhafte SF-Visionen wirkte, klingt jetzt sieben Jahre später durchaus plausibel. Heute sind wir auf dem besten Weg, uns in die Hände der einen oder anderen KI zu begeben, weil unser Leben dadurch so schön bequem und einfach wird.

Es ist zwar noch nicht so weit, dass jemand die Nase rümpft, wenn man ein Buch aus der Tasche zieht, aber ein Selbstläufer sind Dinge aus Papier schon lange nicht mehr.

Natürlich gibt es den Retrotrend zurück zum haptischen und besonderen. Unikate, limitierte Editionen, Vinyl Covers mit hochwertiger Lackveredelung und Booklets, das sind die Felder, auf denen Papier glänzt. Auch gibt es Zahlen, dass Magazin-Neugründungen zunehmen, dass die Zahl der E-Reader stagniert und sogar einige wenige gedruckte Zeitungen ihre Auflage stabilisieren können. Aber es sah schon man besser aus für das Medium Papier.

Was es braucht, sind neue Ideen. Papier muss sich was einfallen lassen. Zum Beispiel arbeitet man an der TU Chemnitz schon seit längerem an seiner Weiterentwicklung. Zur letzten Buchmesse haben die Forscher ihr neuestes Werk präsentiert: Buchseiten, die eingebaute Lautsprecher haben: So wird aus lesen ein multimediales Erlebnis. Das Ganze ist nicht schwerer als ein herkömmliches Buch und kann schon in sehr naher Zukunft für ein interessantes und bereicherndes Leseerlebnis sorgen.

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Sieht aus wie ein ganz normales Buch, hat aber in den Seiten versteckte Lautsprecher und verschafft so ein vollkommen neues Leseerlebnis.

Keine ganz so neue Idee, aber regelmäßig zu jedem großen Fußballturnier wieder verblüffend erfolgreich: die Panini-Sammelalben. Menschen, die sich nur noch selten mit gedruckten Medien beschäftigen, rennen Kioskbesitzern die Bude ein, auf der Suche nach dem fehlenden Torwart der mexikanischen Nationalmannschaft. Wieder ein Beweis für die These: wenn die Geschichte stimmt und Faszination ausstrahlt, nutzen die Menschen auch gern weiterhin Papier.

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Für das Sammelalbum meiner beiden Töchter suche ich noch dringend die Glitzersticker von Polen und Nigeria.

Davon braucht es mehr. Neue Ideen, die das Medium Papier überraschend nutzen und den Menschen Lust machen, Ihren ÄPPÄRÄT mal in der Ecke liegen zu lassen, um sich ein bißchen Zeit zu nehmen, für dieses Medium, dessen Geschichte noch lange nicht zu Ende erzählt ist.