Experten
22 . 03 . 18

Papier-Hacks, die vierte Dimension des Drucks und das Einfangen von Gefühlen

Worte von: Mark Hooper
Die kreative Wissenschaftlerin Kate Stone entwickelt ein innovatives Toolkit für immersive und dennoch nostalgische Erlebnisse
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Image by Natalie Thery (natalietheryrf@gmail.com)

Auf einen Blick

  • Es geht darum, vorhandene Technologien zu nutzen, um Erfahrungen zu schaffen, die noch niemand zuvor erlebt hat
  • Die Plattform, Produktionsprozesse und Software-Tools sind da – man braucht nur Phantasie
  • Unterschätzen Sie nicht die Bedeutung der Nostalgie – oder die Reise eines Gegenstandes durch die Zeit – wenn Sie Menschen erreichen möchten

Kate Stone hat eine Mission. Ihr Ziel? Auf die wichtige Rolle von Papier und Tinte in unserer elektronischen Zukunft hinzuweisen.

Ihr Unternehmen, Novalia, stellt interaktive elektronische Geräte mit regulären Druckmaschinen her, wobei berührungsempfindliche Tintentechnologien mit gedruckten Schaltkreisen kombiniert werden. Auf Papier klingt das alles sehr beeindruckend – aber für Stone erzählt es die Geschichte nicht wirkungsvoll genug.

„Es ist, als würde man einen Zaubertrick beschreiben: Es ist so viel einfacher zu zeigen , was wir tun“, sagt sie. „Letztendlich wollen wir ein Erlebnis schaffen – und wenn es einfach zu beschreiben wäre, wäre es keine sehr gutes Erlebnis. Wenn wir ein Video [darüber] machen würden, würde ich lieber die Gesichter und Reaktionen der Leute filmen, als die Sache selbst.“

Wenn man allerdings eine Idee zu verkaufen hat...

Neue Erfahrungen erschließen

Stone spricht mit Leidenschaft darüber, wie mit Hilfe der vorhandenen Drucktechnologie etwas ganz Neues, Interessantes und vor allem Kostengünstiges geschaffen werden kann. „Es geht darum, die Dinge zu integrieren, die es bereits um uns herum gibt – und das schon seit Jahren“, sagt sie. „Zum Beispiel könnten wir die gleiche Art von Audio-Chip benutzen, der schon seit Jahren in den Happy-Meal-Spielzeugen [von McDonald’s] steckt.“

Das Verfahren ist relativ einfach. Kohlenstoffleitende Tinte wird auf einen Aufkleber oder ein Etikett gedruckt. Auf der einen Seite ist eine gedruckte Grafik, auf der anderen eine kleine Leiterplatte. Durch Berühren der Grafik wird der Schaltkreis verbunden. Das Resultat? Verbundener Druck.

Klingt nach Happy Meal? Der Unterschied besteht darin, dass die Tinte als Leiter verwendet werden kann, um ein Signal über Bluetooth an einen Computer zu senden oder um einen Audio-Chip zu aktivieren. Das endgültige Ziel, erklärt Stone, ist es, „eine Art von Erlebnis zu erschließen, das noch niemand zuvor gesehen hat“.

Was Stone und ihr Team bei Novalia erfunden haben, ist kein neues Produkt an sich, sondern vielmehr eine neue Möglichkeit. „Ich werde oft gefragt: Wenn du ein Produkt entwickeln könnten, was wäre es dann“, erzählt sie. „Aber das ist nicht das, was ich versuche zu tun. Ich versuche, eine Plattform zu schaffen – ein Toolkit und Produktionsprozesse, die von jedem lizenziert werden können, und Software-Tools, die einfacher zu benutzen sind als eine Social-Media-App.“

 

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Die Vorstellungskraft anregen

Stone ist entschlossen, jeden zu inspirieren, der genug Vorstellungskraft aufbringt – vom Werbetreibenden und Vermarkter bis hin zum Verleger und Produzenten – um einen Nutzen für ihre Technologie zu finden, die am besten zu ihm oder ihr passt. Sie räumt ein, dass es eine Herausforderung ist: Die Menschen brauchen einen ersten Funken Inspiration, um erfinderisch zu werden. „Und das liegt an uns“, fügt sie hinzu.

Novalia stellt also kein Produkt an sich her. Um seine Arbeit am besten präsentieren zu können, beschloss das Unternehmen jedoch ... ein Produkt zu entwerfen. Als Stone zu einem TED Talk über ihre Arbeit eingeladen wurden, bestand sie darauf, nicht nur über die Technologie zu sprechen, sondern auch deren Potential vorzuführen.

„Ich habe aus einem Stück Papier mithilfe von Bluetooth zwei DJ-Decks gemacht“, erklärt sie. Diese Idee erregte die Aufmerksamkeit der Zuschauer – aber das Ergebnis war nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte.

„Ich dachte, ich würde die Leute zum Nachdenken anregen: Unglaublich, das ist cool, damit lässt sich bestimmt auch dies und das machen ... Nun, das ist nicht ganz so gelaufen. Stattdessen wollten alle ein DJ-Deck!“

Dies führte dazu, dass Novalia ein Cover für das Album Extraterrestria von DJ Q-Bertentwarf, in das ein DJ-Controller eingebaut war. (Nicht ohne Stolz erzählt Stone, obwohl sie selbst keine Musikerin ist: „Ich kann sagen, dass ich von Mark Ronson gesampelt wurde – als er seinen TED Talk machte, hat er meinen TED Talk gesampelt!“)

Die vierte Dimension erschließen

Das Bemerkenswerte an der Arbeit von Novalia ist, dass sie Print in den Mittelpunkt ihrer Suche nach technologischen Innovationen stellt. „Wir versuchen nicht, das Offensichtliche zu tun“, sagt sie. „Wir versuchen nicht, einen Computer in einer Zeitung nachzubilden. Der Computer hat sich bereits recht gut als Computer bewährt. Doch die Technologie wird immer kleiner. Früher füllte ein Computer einen Raum aus, dann unseren Schreibtisch, dann unseren Schoß und jetzt unsere Handfläche. Das Schicksal des Computers ist es also, zu verschwinden. Die Technologie wird so weit schrumpfen, dass wir nur noch unsere Erlebnisse haben: Die Technologie wird in den Objekten sein.“

Das ist die Zukunft, die sich Stone vorstellt: Eine, in der der Computer nicht das Papier ersetzt, sondern das Papier den Computer. Oder genauer gesagt, der Computer ist im Papier. Sie weist darauf hin, dass viele zwar von einer technologischen Zukunft träumen, die wir aus Minority Report (oder Die Jetsons) kennen, dies aber nicht durch Erfahrung bestätigt wird. „Wir sehnen uns nach der Vergangenheit. Deshalb versuchen wir unserer Umgebung ein nostalgisches Aussehen zu verpassen, weil es uns ein Gefühl von Relevanz gibt“, sagt sie.

„Die Tatsache, dass wir Menschen sind und in einer physischen, dreidimensionalen Welt leben, wird massiv missverstanden“, erklärt Stone. Und so auch die „vierte Dimension“ eines physischen Objekts: seine Reise durch die Zeit.

„Das vermittelt eine Menge Informationen: Wenn ein Kind ein altes Buch liest, das seine Großeltern einst besaßen, fühlen es das Gewicht der vergangenen Jahre“, erläutert sie. „Ich möchte dieses Gefühl durch die Integration von Print und Digital einfangen.“  

Wenn man dieses Gefühl der Nostalgie mit der immer kleiner werdenden Größe der Technologie verbindet, so Stone, beginnt man einen Blick in eine Zukunft zu werfen, die eher der Vergangenheit als der Gegenwart gleicht. Als Beispiel dafür nennt sie Bars und Restaurants, die mit Kerzenschein eine bestimmte Stimmung hervorrufen möchten, obwohl Strom ja verfügbar ist. Oder, um ein passenderes Beispiel zu nennen, wie Print immer noch die Zukunft weist.

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Vielfalt in der Gestaltung

„Print ist buchstäblich überall um uns herum“, sagt sie. „Es ist die am weitesten verbreitete menschliche Schnittstelle, und die Druckproduktion ist nicht nur in jeder einzelnen Stadt – sie ist der einzige Herstellungsprozess, der in jedermanns Haus stattfindet. Ich wette, dass Sie gerade mehr Druckerzeugnisse um sich herum sehen als digitale Geräte.“

Die Tatsache, dass wir die Produktionsmittel zur Hand haben, gemeinsam mit einem offenen Publikum für Print, macht Stone die Entscheidung leicht. Und im Gegensatz zu den übertriebenen Herstellungskosten für Produkte aus Kunststoff oder anderen Materialien ist Print ein kostengünstiges, vielseitiges und demokratisches Medium.

„Man kann eine Auflage von eins oder einer Million drucken und die Dinge so ändern, dass sie genau so sind, wie man sie haben will“, sagt sie. „Wir können Vielfalt in Design und Fertigung bringen, indem wir dem Druckmodell folgen. Und das ist etwas, wovon ich wirklich begeistert bin, denn Vielfalt rettet uns vor dem Aussterben.“

Novalias nächster Streich? Eine Klaviertastatur auf dem Einband eines Notizbuches. Das Playable Book lässt sich als MIDI-Controller mit GarageBand und anderen Musikprogrammen verbinden, sodass man während dem Musizieren Notizen machen kann. „Wir versuchen, über das gesamte Erlebnis nachzudenken, das jemand haben könnte. Wir wollen, dass Details und kreatives Denken die Technik überstrahlt“, erklärt Stone.

Novalia arbeitet auch an einer Plattform, die es Menschen ermöglicht, sich mit Smart-Home-Geräten zu verbinden. „Aber was würde das bedeuten? Was könnte das sein?“, fragt sie.

Das, so ihr Fazit, liegt an uns allen: „Unser Ausblick ist vielmehr ein philosophischer als technologischer. Ich fände es arrogant, der ganzen Welt zu sagen, dass sie unbedingt das eine Ding haben sollten, das ich gemacht habe: Ich will eine Plattform schaffen und andere Leute entscheiden lassen.“

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